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WIENER AKTIONISMUS: INTER-MEZZO

BRUS/MUEHL/NITSCH/SCHILLING/SCHWARZKOGLER

Präsentation der Sammlungsbestände
04.06.2020-28.02.2021
Sammlung Friedrichshof Zurndorf

Ausstellungen in der Sammlung Friedrichshof haben in den letzten Jahren Tendenzen der internationalen zeitgenössischen Kunst mit Werken aus der Sammlung verbunden und ermöglichten so neue Blickwinkel und Vernetzungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Die für dieses Jahr geplante Ausstellung konnte aber aufgrund der situationsbedingten Restriktionen nicht stattfinden. Als INTER-MEZZO werden deshalb ausschließlich Werke aus den Sammlungsbeständen gezeigt.
Arbeiten der Wiener Aktionisten wurden mit dem Oeuvre Otto Muehls kontrastiert, um auf diesem Weg spannende Doppelungen und Gegensätze zu veranschaulichen. In der räumlichen Gegenüberstellung werden die unterschiedlichen Positionen der Künstler sichtbar.

Nach der Gründungs- und Aufbauphase in den 1970er Jahren entwickelte sich in den 1980er Jahren die Kommune Friedrichshof mit ihren zahlreichen Ablegern in mehreren europäischen Städten ökonomisch rasant. Der Friedrichshof florierte, wurde weiter ausgebaut und man begann mit dem Aufbau der Kunstsammlung (Sammlung Friedrichshof).
Die 1980er Jahre waren aber auch die Zeit, in welcher die Idee der Kommune als egalitäre Lebensgemeinschaft immer mehr in ein gegensätzliches hierarchisches System kippte, welches Demütigung von Kindern und sexuellen Missbrauch möglich machte. Im Herbst 1989 – im Fernsehen liefen die Bilder vom Fall der Berliner Mauer – leitete ein Teil der Kommune eine grundlegende Umstrukturierung ein um die Vermögensverhältnisse transparent zu machen und die Entscheidungsstrukturen zu demokratisieren. Zu diesem Zweck wurde die Friedrichshof Wohnungsgenossenschaft gegründet und die Sachwerte der Gemeinschaft eingebracht, insbesondere die Liegenschaften am Friedrichshof und in El Cabrito (Gomera/Kanarische Inseln), sowie auch die Bestände der Sammlung Friedrichshof. Im Gegenzug erhielt jedes Kommunemitglied gleiche Genossenschaftsanteile übertragen und bekam das Recht, in freien und geheimen Wahlen die Leitungsgremien zu bestimmen. Auch Otto Muehl schloss sich dieser Vereinbarung an und brachte im Frühjahr 1990 sämtliche von ihm während der Kommune geschaffenen Kunstwerke als seinen Beitrag zum Gemeinschaftseigentum in die Genossenschaft ein. Jedoch stellte sich bald heraus, dass über die Zukunft der Lebensgemeinschaft kein gemeinsamer Konsens mehr möglich war und die gut 300 verbliebenen Mitglieder beschlossen in einer Generalversammlung die Auflösung der Kommune zum Jahresende 1990. Seither verantwortet die Friedrichshof Wohnungsgenossenschaft die weitere Entwicklung der Sammlung und des Ortes. Aktuell findet in der Genossenschaft ein Übergang der Leitungsfunktionen auf die nächste Generation und somit auf die Kinder der ehemaligen Kommune statt.

SAMMLUNG FRIEDRICHSHOF

Die Sammlung Friedrichshof besitzt die umfangreichste private Sammlung von Arbeiten der Wiener Aktionisten aus den 1960er und frühen 1970er Jahren. Darüber hinaus verwaltet, vermittelt und publiziert sie gemeinsam mit dem ESTATE OTTO MUEHL das Gesamtwerk Muehls und unternimmt eine Reaktivierung ihrer Sammlungstätigkeit.
Die Sammlung wurde in den 1980er Jahren von der Aktions-Analytischen Kommune aufgebaut und nach deren Ende im Jahr 1990 in eine Genossenschaft eingebracht. Vor allem seit 2010, nach der Eröffnung der von Architekt Adolf Krischanitz gebauten Ausstellungsräume, hat sie sich auf der auch international sichtbaren Landkarte österreichischer Kulturinitiativen für zeitgenössische Kunst etabliert.

DER WIENER AKTIONSMUS

Der Wiener Aktionismus von Günter Brus, Hermann Nitsch, Otto Muehl und Rudolf Schwarzkogler war Österreichs bedeutendster Beitrag zu den internationalen Postavantgarden der 1960er Jahre. Als Reaktion auf die Herausforderung des Abstrakten Expressionismus wurde die Malerei und Skulptur von den Aktionisten zum ereignishaften Kunstwerk erweitert und die gesellschaftliche Rolle und Funktion von Kunst und Künstler einer radikalen Analyse unterzogen.
Bereits 1960 lernten sich Günter Brus, Hermann Nitsch, Otto Muehl, Rudolf Schwarzkogler und Alfons Schilling kennen. Während letzterer 1962 den Kreis der Wiener Aktionisten wieder verließ, um in Paris und New York Fuß zu fassen, mietete Muehl im selben Jahr den Perinetkeller in Wien als Atelier und Austragungsort zahlreicher Aktionen. Im Zuge einer Gegenveranstaltung zu den Wiener Festwochen, die Muehl mit seinen Freunden Hermann Nitsch und Adolf Frohner dort organisiert, entsteht die gemeinsam verfasste Broschüre »Die Blutorgel«, die als erstes Manifest des Wiener Aktionismus gilt. 1963 führte Muehl gemeinsam mit Hermann Nitsch mit dem »Fest des psychophysischen Naturalismus« die erste öffentliche Veranstaltung des Wiener Aktionismus durch. Viele seiner folgenden etwa 100 Aktionen werden vom Fotographen Ludwig Hoffenreich dokumentiert und sind die Basis für Experimentalfilme seines Freundes Kurt Kren. 1966 gründete Brus mit Muehl das »Institut für direkte Kunst« und im selben Jahr nahmen beide mit Nitsch, Kren und Weibel am »Destruction in Art Symposium« (DIAS) in London teil. 1967 initiierte Muehl zusammen mit Oswald Wiener unter dem Begriff »ZOCK« eine Plattform für öffentliche Aktionen. In diesem Zusammenhang entsteht Muehls Siebdruckserie »Persönlichkeiten«.
Die zentrale Charakteristik des Wiener Aktionismus ist eine stark sinnlich wirkende Ästhetik, in welcher reales Material und vor allem der Körper als direktes, tabubrechendes und auch politisches Medium eingesetzt wurde. Mit diesem Angebot einer intensiven Erfahrungsdimension ist der idealistische Wunsch nach subjektiven aber auch kollektiven psychohygienischen Ergebnissen verbunden. In den 1960er Jahren stand demzufolge nicht mehr die Malerei im Zentrum, sondern das ereignishafte und dramatische Kunstwerk.

DIE AKTION

Ereignishafte Kunst wie die Happenings und Aktionen der 1960er Jahre sowie ab den 1970er Jahren die Performance Art waren ein wichtiges Mittel um den vorherrschenden, auf die Malerei und Skulptur konzentrierten, Kunstbegriff zu brechen. Die Aktionen der in Wien lebenden Künstler gelten heute als bedeutender Beitrag zu dieser weltweit populären Entwicklung in der Nachkriegskunst. Der Körper wurde zum Brennpunkt des ereignishaften Kunstwerks. Auf ihm zeigten sich nicht nur gestalterische, sondern auch gesellschaftliche Praktiken und Traumata – er wurde zur Leinwand, zur Projektionsfläche für Kritik und Neugestaltung.
Nach dem Skandal um die Veranstaltung »Kunst und Revolution« an der Universität Wien im Jahre 1968 und dem Tod Schwarzkoglers 1969 trennten sich die Wege der Künstler. Brus und Nitsch gingen um Freiheitsstrafen zu vermeiden und ungestört ihrer künstlerischen Arbeit nachzugehen nach Berlin und München. Muehl wiederum versuchte die Kunst in das Leben zu integrieren und gründete Anfang der 1970er Jahre in Wien und später auf dem Friedrichshof eine Kommune, die bald zum Anziehungspunkt für Menschen wurde die neue Möglichkeiten alternativen Zusammenlebens erproben wollten.
Trotz ihrer grundsätzlich malereikritischen Dimension, wurde die Aktion in der jeweiligen individuellen Ausformung, sei es die schamanistische Körperanalyse bei Brus, die gruppenanalytische Selbstbefreiung Muehls, das umfassende Gesamtkunstwerk des Orgien-Mysterien-Theaters bei Nitsch oder das synästhetische Erfahrungslabor Schwarzkoglers, immer von einem umfangreichen bildnerischen, vor allem auch photographischen Werk gespiegelt. Diese Bildwelt des Wiener Aktionismus ist Entwurf, Ikone, Dokument, Annäherung, Indiz, Lesezeichen und setzt sich sowohl als Brennpunkt in den 1960er Jahren aber auch als repräsentativer Schatten der Aktion bis heute fort.

DER FRIEDRICHSHOF UND OTTO MUEHL

Muehls Ansatz war es die Kunst – die Aktion – in das Leben zu integrieren. 1970 gründete er mit Freunden die Kommune Praterstraße, welche später in »Aktions-Analytische-Organisation (AAO)« umbenannt wurde. Im Geiste der Revolten von 1968 sollte das Korsett der konservativen Nachkriegsgesellschaft aufgebrochen werden. 1972 kaufte die Kommune das weitreichende Gelände des Friedrichshof an, der 1890 von Erzherzog Friedrich übernommen und ausgebaut seit 1934 aber nicht mehr genutzt wurde.
Der Friedrichshof bot die besten Voraussetzungen, um neue Vorstellungen über ein egalitäres Zusammenleben wie freie Sexualität, die Kommune als Kollektiv oder auch das Gemeinschaftseigentum in einem geschützten Raum verwirklichen zu können. Auch wurde die Weiterentwicklung der künstlerischen Aktion hin zur Aktionsanalyse und in der Folge zur analytischen Selbstdarstellung, eine der Grundstrukturen der Kommune. Reflektionen über das eigene Ich und die Bewusstwerdung des Einflusses traumatischer Erinnerungen auf die Psyche, standen im Zentrum der regelmäßig durchgeführten aktionsanalytischen Darstellungen. Der Erforschung der Psyche mit therapeutischen und künstlerischen Ansätzen wurde große Bedeutung zugeschrieben.
Nachdem sich die Gruppe der Wiener Aktionisten getrennt hatte, begann Otto Muehl ab 1975 mit der Analyse seiner in den 1960er Jahren entstandenen künstlerischen Arbeit und der kritischen Hinterfragung der gesellschaftlichen Rolle des Künstlers. Daraus folgte, trotz des beginnenden Erfolgs als Folge seiner Teilnahme an den von Harald Szeemann kuratierten Ausstellungen »Happening & Fluxus« in Köln 1970 und der »Documenta 5« in Kassel 1972, sein Ausstieg aus dem zunehmend prosperierenden Kunstmarkt und dem Ausstellungssystem. Vor diesem Hintergrund kommt den in der Kommune gedrehten Filmen über Persönlichkeiten wie Van Gogh, Picasso, den Künstlern der Wiener Jahrhundertwende oder auch Andy Warhol eine bedeutende Position zu. In diesen wurde die Rolle und Fetischierung des Künstlers im Wertegefüge des Kapitalismus untersucht. Viele der Bilder und Skizzen Muehls aus den 1980er Jahren hängen eng mit diesen Filmprojekten zusammen.
In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre beschäftigte er sich auch wieder verstärkt mit abstrakter, gestischer Malerei, sowie Material- und Strukturstudien, die bereits in den frühen 1960er Jahren ein wesentliches Thema seiner Kunst waren.
Ein Jahr nach Auflösung der Kommune wurde Otto Muehl 1991 wegen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen und anderen strafbaren Handlungen zu sieben Jahren Haft verurteilt. Nach seiner Freilassung gründete er ein neues Kollektiv an der portugiesischen Algarve. Er starb 2013 nach langer Erkrankung in Portugal.
Eine Initiative ehemaliger Kinder der Kommune unter dem Gruppennamen „MATHILDA“ informierte im Herbst 2019 die Öffentlichkeit über ihre Sicht auf die Kommune und den geschehenen Missbrauch im Rahmen einer Intervention in der Sammlung Friedrichshof.

Die Ausstellung INTER-MEZZO wurde kuratiert von Hubert Klocker und Antonio Rosa de Pauli.

Im Rahmen dieser Ausstellung wird im STADTRAUM vom 4.06. – 6.11.2020 Otto Muehls „APOKALYPSE / KEINEN KEKS HEUTE“ (1998) gezeigt. Dieses Werk nimmt als juristisches Paradebeispiel für den Sieg von Kunst- bzw. Meinungsfreiheit in Europa einen ganz besonderen Stellenwert ein! Für weitere Informationen klicken Sie bitte hier

© Sammlung Friedrichshof, Archives Otto Muehl & Estate Otto Muehl