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Project 6: HÜSEYIN IŞIK

12 Nov Project 6: HÜSEYIN IŞIK

Livesendung aus meinem Sarg

07.12.2018–22.02.2019

»Dort bellten prähistorische Hunde« C. Süreya

Bald werde ich mich auf eine lange Reise ohne Wiederkehr machen, wir haben alles vernichtet, ich kann nicht einmal die Wolken wiedererkennen. Mit dem Kleinblut in meiner Tasche werde ich die Strafe dafür zahlen, dass ich der Natur entrissen wurde.

Auch dieses Jahrhundert ist gekennzeichnet durch Krieg, Völkermord und andere menschliche Tragödien. Die ganze Menschheit ist von einer manipulierten Geschichtsschreibung geprägt, die ein verzerrtes, kollektives Bewusstsein zur Folge hat. Die Tyrannen sind leider wieder Sieger. Zumindest bis jetzt. Und die absehbare Zukunft verheißt kaum Hoffnung auf eine bessere Welt.

Es war jener Tag, an dem Bücher und Menschen verbrannt wurden und die Menschheit ohne Vater blieb. Als die aufgelisteten Passagiere eines Schiffes in den Tod aufbrachen, vergaß der arme Rabe dies alles nie. Die Hunde bellten auch an jenem Tag. Und der Zeitgeist war durchnässt vom Regen der Tränenwolken.

Die Zeit wird knapp, das Wasser ist schon längst gestiegen, die Erde, auf die du den Fuß voller Zuversicht gesetzt hattest, ist jetzt ein tiefer Sumpf.

Während ich in meinem Sarg die Ratten an meinem juckenden Fuß kratzen lasse, heiße ich mich Willkommen auf dem Boden, wo Identität, Zugehörigkeit und Besitz nichts mehr bedeuten.

Hüseyin Işık

 

Livesendung aus meinem Sarg

Die Rauminstallation besteht aus großformatigen Zeichnungen und ca. 10.000, teilweise kolorierten, Duplikaten. Die Zeichnungen sind an der Wand angebracht (tapeziert), die Duplikate liegen am Boden wie schwerelose Blätter im Herbst.

Gezeigt wird der heutige chaotische Zustand der Welt aus der Sicht einer Ratte, die in einem Sarg lebt und den Blick ihrer kreisenden Augen live an uns weiterleitet.

Spezieller Gast:

Der Fotograf Merih Akoğul wird die Installation “mit anderen Augen” betrachten und uns seine Sicht vermitteln. Seine Fotos werden an die Wand projiziert.