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13 Okt PROJECT 2: AHU DURAL

SHE SEES NOTHING
23.11.2016 – 16.02.2017

Ahu Dural (*1984, Berlin) verwandelt in ihrer Ausstellung She Sees Nothing den STADTRAUM der SAMMLUNG FRIEDRICHSHOF in eine raumgreifende Installation. Ausgangspunkt ist die Fortsetzung des von der Künstlerin aus ihrer Diplompräsentation aufgegriffenen Zitats eines Textfragments von Beatriz Colomina, das gleichzeitig auch den Titel der Ausstellung darstellt.
„Remarkably, she is facing the wall. She is almost an attachment to the wall. She sees nothing“. Unter anderem stellt Colomina an dieser Stelle fest, wie Le Corbusier fast ausschließlich Frauen im Bild portraitiert hat, deren Gesichter man nicht erkennt oder die in Richtung der Wand blicken. Sie beschreibt ein Foto, auf dem Charlotte Perriand selbst auf einer ihrer Chaiselongues posiert und liegend, ihr Gesicht zur Wand gerichtet nicht in die Kamera schaut.

Neue feministische Genealogien und kunstgeschichtliche Re-Kontextualisierungen kommen bei den Arbeiten in She Sees Nothing zum Tragen. In dieser Inspirationsquelle findet die Künstlerin Reflexion in Werken der Architektinnen und Designerinnen Eileen Gray, Charlotte Perriand und Jeanette Laverrière, sowie einer künstlerischen Arbeitsweise, die sich auf sinnlicher und haptischer Ebene erfahrbar macht. Die Parameter der Methode und Beschäftigungspunkte der Künstlerin werden dabei sehr schnell klar: Raum – Akteurinnen – Zeichnung.

In den Arbeiten Durals spielt Raumwahrnehmung in der Ausstellungskonzeption, sowie das Zeichnen als Notwendigkeit produktiven Tuns eine große Rolle. So wie sie den Raum vom Papier auf den eigentlichen Ausstellungsraum holt, wechseln ihre Arbeiten in der Präsentation den Zustand von zweidimensionaler Zeichnung zu Objektfront, so wie auch umgekehrt Objekte im Raum für die Künstlerin als Grafik funktionieren können. Im Mechanismus des Abarbeitens an Material, an Papier, in Form wiederholter Bearbeitung von Arbeitsmustern kreiert die Künstlerin eine Zeichnungsfront und im Sinne der Konzeption hybridhafte Objekte, die sich in die Architektur einschreiben.

Dabei wird die Benutzer- und Betrachterpartizipation durch das Schauen von mehreren Raumausschnitten aktiviert. Positionierung und Perspektive als Element der künstlerischen Arbeit bedeuten aber ebenso die autonome und selbstbestimmte Neuzuschreibung dieser Betrachterposition, die vor allem in den 60er Jahren im Minimalismus geprägt und bestimmt wurde. Man kann an ein aktives Publikum denken, das Skulptur sieht, die sie impliziert, generativ wird und den Geist öffnet. Die Erforschung des Raums und die Bewegung in diesem um die Objekte herum eröffnen für den Betrachter das Wechselspiel, das Dural durch die Einschreibung in den Galerieraum schafft. Die einzelne Zeichnung transformiert durch Distanz zu einer Objektfront an der Wand, der Schritt in den Raum erläutert den Strich in der Masse an Zeichnungen in der Form der Beine der zu hohen Tischobjekte. Spezifische Objekte, die zwischen Objekt und dem malerischen Moment changieren, treten dabei zum Vorschein. Im White Cube anmutenden Raum werden Objekte des 50er Jahre Interieurs Perriands in der Länge gedehnt, in die Höhe gezogen und auf das Moment des Sehens reduziert. Das Moment des Nicht-Sehens in She Sees Nothing, die zu hohen Tischböcke oder Bänke, das zu hohe Atelier, ein Interieurensemble mit zu hohen Gegenständen, die Raumarchitektur und Position der Objekte leiten den Blick immer wieder in die Höhe. Die Bewegung im Raum überlässt es dem Betrachter selbst, sich die Frage nach der Wahrnehmbarkeit zu stellen: In welchem Verhältnis stehen die Striche und Sichtachsen zu einander, was befindet sich alles im Sichtfeld und welche Assoziationen ergeben sich daraus?

Ahu Dural zeigte im STADTRAUM Objekte und Zeichnungen und gab zur Finissage im Februar 2017 eine artist lecture zu ihren Arbeiten.

Kuratorin Marie Oucherif

Photos © Maximilian Anelli-Monti